Fragen zum Atomausstieg

AtomausstiegDie Roadmap der SP zum Atomausstieg wirft viele Fragen auf. Hier die Antworten:

1. Was wollen wir ?  in Kürze: 
Keine neuen Atomkraftwerke und Beendigung der Atomenergienutzung bis 2025. Dafür braucht es den Ausstiegsentscheid (= keine neuen AKW) und 
ein Ausstiegsgesetz mit Laufzeitbegrenzungen für die bestehenden Kraftwerke. Dieses soll in der Sondersession im Juni 2011 beschlossen werden. Die SP hat eine entsprechende Motion eingereicht.

2. Wie soll der wegfallende AKW-Strom (26 TWh) ersetzt werden?
Dank erneuerbaren Energien und Effizienzmassnahmen. Die erneuerbaren Energien liefern zusätzlich 19 TWh, wovon die Photovoltaik mit 12 TWh den Löwenanteil sichert. Die übrigen 7 TWh werden Wärmekraftkoppelung und bei Infrastrukturanlagen wie ARA und Kehrichtverbrennung gewonnen. Es handelt sich um die Verwertung von Energie, wie heute nutzlos verpufft.
Sehr wichtig sind die Effizienzgewinne in der Stromverwendung: sie  erlauben, den Stromkonsum gegenüber heute zu stabilisieren. Ohne sie würde der Strom Konsum bis 2025 um 12 TWh steigen.  

3. Welche politischen Entscheide braucht es um den Atomstrom zu ersetzen? 
Erneuerbare Energien:
3.a    Kostendeckende Einspeisevergütung nach deutschem Modell zur Erschliessung des riesigen Potentials der Erneuerbaren Energien. Mit Solarenergie-Wachstumsraten wie in Bayern lässt sich die Hälfte der fehlenden Atomenergie bis 2025 durch Sonnenenergie decken. Swisssolar hat sich dies zum Ziel gesetzt.

Effizienz:
3.b    Effizienzvorgaben an die Stromversorger (Bonus/Malus): Wer die Endkunden mit Strom versorgt, muss in 10 Jahren mindestens 10% des Stromaufwandes in Form von Effizienzgewinnen realisieren. Damit lässt sich rund ein Viertel der Atomenergie ersetzen.
3.c    WKK-Obligatorium: Alle grossen Heizungsanlagen (ab 1 MW Leistung), sollen durch Wärmkraftkopplungsanlagen (WKK) bis 2025 ersetzt werden. So werden sie Elektrizität erzeugen und mit der Abwärme heizen. Damit lässt sich das letzte Viertel des Schweizer Atomstroms ersetzen.
3.d    Effizienzfonds, gespiesen durch Abgaben auf Atomstrom, zur Förderung von weiteren Effizienzvorhaben. 
3.e    Ersatzpflicht für alle Elektroheizungen und –bolier bis 2025. 
3.f    Erhöhte Effizienzstandards für Geräte und Gebäude. 

4. Wie stellen wir uns zum Verbrauchswachstum?
Die Effizienzmassnahmen der SP-Roadmap werden dazu führen, dass sich das Wirtschaftswachstum vom Stromverbrauchswachstum entkoppelt. Die Roadmap geht von einem Wachstum des Stromverbrauchs um jährlich 1 Prozent aus, weil durch neue Geräte, Wärmepumpen und Elektromobilität eine zusätzliche Nachfrage entsteht. Die Massnahmen der Roadmap reichen aber, um dieses Wachstum zu decken. Zusätzlich besteht bei Bedarf die Möglichkeit erneuerbaren Strom zu importieren. Die Schweiz hat sich jahrzehntelang vertraglich Atomstromimporte gesichert. Es spricht nichts dagegen, diese durch Windstromimport zu ersetzen.

5. Muss jeder Einzelne künftig verzichten?
Nein. Verzichten und Sparen sind gut. Die Energiewende kann aber auch ohne Verzichtsmassnahmen der Haushalte erreicht werden. Gemäss der Schweizerischen Agentur für Energieeffizienz ist das Potential in industriellen, gewerblichen und öffentlichen Anwendungen sowie in der Haustechnik etwa fünf mal grösser als bei den Haushaltsgeräten. Bevor man den Konsumentinnen ein schlechtes Gewissen macht, soll der Stromverbrauch durch gezielte Investitionen dort vermieden werden, wo er am meisten verschwendet wird. Veraltete Industriemotoren müssen ersetzt, öffentliche Beleuchtungen umgestellt, Elektroheizungen und –boiler ausgetauscht werden. Vermeidet man auch nur Zweidrittel der Vergeudung veralteter Energiefresser, kann man rund die Hälfte des Schweizer Atomstroms ersetzen. Solange das Effizienzpotential nicht ausgeschöpft ist, ist der Verzichtsappell nicht nötig.

6. Braucht es neue Gaskraftwerke?
Der Ausstieg aus der Atomkraft ist ohne neue Gaskraftwerke möglich. Viel schlauer ist es, die bestehenden Öl- und Gasheizungen wirksamer zu nutzen. Man muss mit den grossen Heizanlagen Strom produzieren. Grosse Heizungen sind solche, die für 150 oder mehr Wohnungen Wärme liefern und künftig eben auch Elektrizität. Ersetzt man sie durch Wärmkraftkopplungsanlagen lässt sich ein Viertel der Atomkraft ersetzen Die Zukunft der Stromproduktion ist dezentral. 

7. Sind wir für die Erhöhung der Grimsel-Staumauer? 
Die Staumauererhöhung führt nicht zu mehr Stromproduktion, sondern zu einer Verlagerung der Stromproduktion vom Sommer in den Winter. Der energetische Gewinn aus der Seenvergrösserung wird in der öffentlichen Debatte völlig überbewertet, denn diese Staumauererhöhung kostet sehr viel, bringt energiepolitisch wenig und der Natureingriff ist massiv. Die Erhöhung dieser Staumauer und die damit verbundene Verdoppelung der Seengrösse verstösst nach Einschätzung verschiedener Rechtsexperten gegen den Moorschutzartikel (Rothenthurm) in der Bundesverfassung.

Die SP hat bessere Vorschläge um den Winterstrombedarf zu sichern. Das WKK-Obligatorium (3c) und das Verbot der Elektroheizungen (3d) führen günstiger, wirksamer und umweltverträglicher zu diesem Ziel

Die anderen sich im Bau befindenden Pumpspeicherprojekte wie Emosson oder Lago Bianco sind sowohl umweltfreundlicher als auch wirtschaftlicher, denn sie bedingen wenige baulichen Massnahmen und sichern eine hohe Leistung zum Augleich unregelmässig anfallender neuer erneuerbarer Energien. 

8. Was machen wir, wenn der Wind nicht bläst oder die Sonne nicht scheint?
Mit zunehmendem Anteil an Wind und Sonnenstrom, steigt der Bedarf an Stromregelung. Die Schweizer Pumpspeicherkraftwerke können dies hervorragend leisten. Sie pumpen Wasser in die Seen wenn wenig gebraucht wird und machen bei hoher Nachfrage wieder Strom daraus. Sie werden – ausserhalb der Grimselwerke – derzeit massiv ausgebaut, obwohl sie für die Schweiz schon heute ausreichen. Die Strombranche investiert rund fünf Milliarden Franken in den Bau grosser Pumpspeicherwerke in den Alpen. Die Leistung der Pumpen und Turbinen an bestehenden Stauseen wird von 1.7 auf rund 6.5 GW  vervierfacht (durchschnittlich wird in der Schweiz am Tag 9 GW Strom verbraucht). So kann der unregelmässig anfallende Strom aus Wind und Sonne bestens nicht nur für die Schweiz sondern auch für einen wichtigen Teil des europäischen Bedarfs geglättet werden. 

9. Nehmen wir eine Stromlücke in Kauf?
Selbst, wenn die Schweiz im Strombereich eines Tages einen Importüberschuss ausweisen sollte, wird uns das Licht nicht ausgehen. Es gibt in der Schweiz ja auch keine Öl-, Gas- oder Uranlücke, obwohl wir diese Produkte vollständig importieren. Damit der Strom fliesst, ist nicht die im Inland produzierte Strommenge entscheidend sondern die Stabilität der Stromnetze. Schon heute wird jeden Tag Strom in gigantischen Mengen zwischen dem Ausland und der Schweiz gehandelt. Inlanddefizite können durch Wind- oder Sonnenstrom-Importe gedeckt werden. Windkraft in der Nordsee zu produzieren ist günstiger als neue AKWs zu bauen. Bis ins Jahr 2030 sind in der Nordsee Windkraftwerke mit einer Kapazität, die so gross wie 200 AKWs der Klasse Gösgen sind, geplant. Damit unsere Stromnetze auf solche Stromimporte aufnehmen können, müssen sie ausgebaut und konsequent in das europäische Netz integriert werden. 

10. Gefährden wir unsere energetische Unabhängigkeit vom Ausland?
Die Behauptung Atomstrom mache uns vom Ausland unabhängig, ist eines der meist portierten energiepolitischen Märchen. Die Herkunft des zur Produktion von Atomstrom verwendenten Urans wird nicht deklariert, ist deshalb nicht öffentlich. Sicher ist, dass es nicht aus der Schweiz stammt. Die Herkunft dürfte ähnlich wie in Deutschland sein, wo sie von der Bundesregierung wie folgt beziffert wird. 32 % aus afrikanischen Ländern,
ca. 21 % aus Australien,
ca. 19 % aus Kanada
ca. 19 % aus der Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente in Frankreich und Großbritannien
ca. 5 % aus der Volksrepublik China 
ca. 4 % aus GUS-Staaten. Das sind alles keine Schweizer Kantone.

11. Wird die Wirtschaft unter dem Ausstieg leiden?
Deutschland hat den Weg in die erneuerbare Zukunft längst eingeschlagen und profitiert davon. Der Umstieg wird auch in der Schweiz  viele Arbeitsplätze schaffen. Anstelle grosser Energiekonzerne werden unsere KMUs, Landwirte, oder Hausbesitzer davon profitieren. Die wichtigste Frage, die wir uns jetzt stellen müssen ist: Worauf warten wir eigentlich? 

12. Was halten wir von der Atomausstiegsinitiative der Grünen?
Inhaltlich unterstützen wir sie. Aber wir haben die Cleantech-Initiative, die viel schneller ist und den konkreten Umstieg in die Energieeffizienz und die Erneuerbaren beinhaltet. Die förderliche Gestaltung der Rahmenbedingungen für die Schaffung von Cleantech-Arbeitsplätzen ist unsere Haupt-Zielsetzung. Dazu ist der Atomausstieg eine wichtiger Beitrag. Wir bedauern, dass die Grünen die Initiative schon vor der Parlamentdebatte lancieren wollen. Das nimmt leider den Druck vom Parlament, einen Richtungsentscheid in der Atomenergienutzung zu fällen.

13. Werden alle Wind- Wasserkraft-Projekt von „Linken“ verhindert
Im Rahmen der heutigen Gesetzgebung ist ein verträglicher Ausbau von Wind- und Wasserkraft möglich und wünschbar. Aber die entscheidenden Potentiale liegen bei Effizienz und Photovoltaik. Wie die SP zeigt, ist dieses Potential 7 Mal grösser. 

14. Wieviel kostet es?
Wir verweisen auf die Infras-Studie. Sie geht davon aus, dass Investitionskosten etwa 50% höher liegen, wenn man auf Grosskraftwerke verzichtet, zeigt aber auch, dass diese Investitionen sich lohnen, weil deutlich mehr Arbeitsplätze geschaffen werden und die erzielte Stromeinsparungen langfristig die Stromrechnung massiv reduzieren. Die Effizienzmassnahmen sind die günstigsten, deshalb sind die vorgeschlagenen Massnahmen der SP im Effizienzbereich so wichtig. Atom- und Gasstrom, werden immer teurer erneuerbarer immer billiger. Die Investition ist langfristig deshalb richtig. 

15. Wie hoch werden die Stromkosten sein?
Die Erhöhung des Strompreises ist in allen Szenarien schwierig vorauszusagen  Sie sollten aber höchstens um 4 bis 5 Rappen pro KWh ansteigen. Dies entspricht 20% bis 25% der Endkundenpreise. Die Strompreise pro KWh würden nach Fukushima aber auch im Atomszenario steigen. Schon vor Fukushima waren private Investoren sehr zurückhaltend zu neuen Atomkraftwerke, weil sie zurecht befürchtet haben, dass die Kosten aus dem Ruder laufen. 

Der Weltklimarat rechnet damit, dass 1% des weltweiten Bruttosozialprodukts genügen, um auf Erneuerbare umzusteigen.Volkswirtschaftlich und für die Haushalte ist aber letztlich der Betrag der gesamten Stromrechnung viel wichtiger: wenn 2025 nur 60 TWh gebraucht werden statt 72 TWh wie im Szenario „buisness-as-usual“, wird die Erhöhung der KWh-Preise fast vollständig wegkompensiert: Wenn der Preis pro KWh um 25% steigt, die gekaufte Menge um  17% tiefer ist als im Szenario „buisness-as-usual“, steigt per Saldo die Rechnung nur um 4%! Zudem: je kleiner die Menge, desto besser der Schutz gegenüber Schwankung der internationalen Energiepreise!