Die Nacht der langen Messer

MesserstechereiDer Messerstich kam erst nachher – Beobachtungen von der Schlacht um den Sitz im Bundesrat:

Die Nacht vor den Bundesratwahlen wird auch die Nacht der langen Messer genannt. Uuuh! Das tönt gefährlich! Das tönt nach Dolchstoss, Schlachthof und SVP-Plakaten. Entsprechend erwartungsvoll trat ich Greenhorn in Bellevue Bar.

Zuvor hatte ich, das sei noch eingefügt, mit dem FC Nationalrat den FC Finma 6:0 geschlagen. Das Schärfste an diesem Match waren die Witze von Eric Nussbaumer (SP) unter der Dusche. Sonst gab’s keine Hinweise auf Messerstiche. Keiner verriet seine Wahlstrategie. Nicht einmal Toni Bortoluzzi (SVP), der sonst um keinen Spruch verlegen ist. Seine grossen Kleider liess er in der Garderobe zwar fallen. Ansonsten hüllte er sich in Schweigen. Wie alle.

Also musste ich ins legendäre Bellevue, um die langen Messer zu sehen. Zum Bersten voll war die Bar. Alles was sich Politpromi nennt, war dort versammelt und lästerte über die Bundesratskandidaten. Aber, sorry, neue Wahlstrategien oder Sprengkandidaten wurden nicht gehandelt. Der Dolchstoss wollte partout nicht kommen.

Mit leichter Enttäuschung verliess ich die Tratschorgie, um am andern Tag mit einem Gefühl der Ahnungslosigkeit an der Bundesratswahl teilzunehmen. Auch da geschah nichts Überraschendes. Die Berner machten das Double auf dem politischen Parkett – fast so souverän wie wir Basler im Mai zuvor auf dem Fussballrasen. Grosse Freude, grosser Applaus!

Doch dann plötzlich sah ich ihn, den Messerstich. Jacqueline Fehr war eine starke Verliererin und doch verriet ihr Gesicht, dass die Niederlage schmerzte. Wie ein Stich in den Magen. Dabei wäre sie eine grossartige Bundesrätin geworden.

Kurz vorher hatte Moritz Leuenberger vor dem Parlament eine wunderbare Abschiedsrede gehalten. Der stärkste Teil seiner Rede richtete sich an fast alle Menschen, die Politik machen und, ohne es zu wissen, auch an Jacqueline Fehr. Er hatte Folgendes gesagt: „Meine Achtung gilt ausdrücklich auch all jenen, die sich für ihre Überzeugungen einsetzen, die bei ihrer Arbeit aber scheitern, die nicht gewählt werden oder die gar abgewählt werden. Das sind keine Verlierer. Wer vertritt, woran er glaubt, verdient nicht öffentliche Häme und Hohn, sondern Dank dafür, dass er sich einsetzt mitzugestalten.“

Beat Jans, 23. September 2010