Der Wolf und die sieben Märchen

WolfWas die Rückkehr der Grossraubtiere an politischem Aktivismus hervorruft, geht auf keine Kuhhaut. Und schon gar nicht auf die eines Schafes. Nicht weniger als 13 Vorstösse muss das Parlament im September behandeln. Acht davon wollen dem Wolf oder dem Luchs an den Kragen. Die masslosen Forderungen von bürgerlicher Seite strapazieren die Glaubwürdigkeit ihrer Absender. Als populistisch kann man sie allerdings nicht bezeichnen. Denn die Bevölkerung denkt anders.

Was um Gottes Willen erzürnt die Geister? Was bringt das Herz so vieler Parlamentarier dermassen in Wallung, dass sie eine Vorstossflut produzieren, als stünde die Schweiz vor dem Untergang? Der geneigte Leser wird darauf keine Antwort finden. Die 255 Rehe, welche letztes Jahr durch Grossraubtiere getötet wurden, können es nicht sein. Denn im gleichen Zeitraum wurden 38’000 Rehe gejagt, 8117 fielen dem Strassenverkehr und 1362 landwirtschaftlichen Maschinen zum Opfer. Soll künftig zum Schutz des Jägers Beute auch die Jagd auf Autofahrer und Landwirte eröffnet werden? Allein die unbeabsichtigten Schussverletzungen durch Jäger sind mit 193 fast so gross wie die Beute von Wolf und Luchs zusammen.

Wolf und Luchs nützen der Schweiz

Die Jäger behaupten, die Grossraubtiere würden das Wild aus bestimmten Gegenden vertreiben. Auch dieses Argument hat kurze Beine. Denn Wolf und Luchs können ohne Beute nicht überleben. Was hingegen stimmt, ist, dass die Grossraubtiere das Wild scheu machen. Mit dem Wolf erhalten die Wildtiere ihren natürlichen Feind zurück und verhalten sich artgerechter. In Regionen, wo sich der Wolf aufhält, gehen Verbissschäden an Jungbäumen zurück. Damit lassen sich Pflegemassnahmen und Kosten der öffentlichen Hand einsparen.

Aus Schottland und den USA ist bekannt, dass mit der Dezimierung des Hirschbestands durch Wölfe der natürliche Jungwald gesünder ist und dadurch Erosion und Hochwasser verhindert werden. Trotzdem fordert eine Mehrheit der nationalrätlichen Umweltkommission, dass die Kantone die Jagd auf die geschützten Wölfe und Luchse ausweiten dürfen, wenn die Abschüsse der Jäger zurückgehen. Mit anderen Worten: Die Mehrheit der UREK heisst Wolf und Luchs erst dann willkommen, wenn diese Vegetarier geworden sind.

Subventionierte Schafhaltung

Auch der Protest der Schafhalter ist wenig überzeugend und könnte sich als Bumerang erweisen. Denn wer will die Sorgen der hochsubventionierten Schäfer langfristig ernst nehmen, wenn sie wegen 300 gerissenen Schafen ein derartiges Gezeter los lassen. Die Besitzer werden für jedes gerissene Tier vollumfänglich entschädigt. In der Schweiz gibt es 450’000 Schafe, ein grosser Teil davon wird ohne Hirten gesömmert. Nicht zuletzt deshalb sterben jährlich rund 9’000 Schafe auf der Alp. Sie stürzen ab, verheddern sich in Zäunen oder werden unbemerkt krank. Einzelne Politiker sind sich trotzdem nicht zu Schade Bilder von „grausam durch den Wolf erlegten Tieren“ zu verbreiten. Wo bleibt ihr Aufschrei, ob der Tausenden durch die Nachlässigkeit der Schafhalter mitverantworteter „Grausamkeiten“?

Überweidung und Erosion

Dass viele Schafe unbehirtet sind, schafft nicht nur Probleme mit Grossraubtieren. Es trägt auch zur Übernutzung von ökologisch sensiblen Weiden bei. Unbehirtete Schafe hinterlassen nicht selten grosse Erosions- und Überweidungsschäden in ökologisch ausserordentlich wertvollen hochalpinen Magerrasen. Wer seine Schafe nicht hirtet, dürfte eigentlich gar keine Subventionen erhalten. Denn er erfüllt den von der Bundeserfassung verlangten ökologischen Leistungsnachweis nicht. Es käme den Staat also deutlich billiger die Subventionen an unbehirtete Schafe zu streichen als die Wolfsjagd zu eröffnen. Gemäss einer Sendung von Television Suisse Romandie kostete nur schon der Abschuss eines einzigen Wolfes 2006 im Wallis 330’000 Franken. Die Entschädigung von zwischen 1998 und 2006 gerissenen Schafen, kostete 360’00 Franken.

Bevölkerung klar für den Wolf

Wölfe und Luchse sind einheimisch. Nach Rechnungsart der SVP sind sie waschechte Schweizer. Sie sind ausgesprochen scheu und haben in Europa noch nie Menschen getötet. Was man von Hunden bekanntlich nicht behaupten kann. Vier von fünf Schweizerinnen und Schweizer befürworten die natürliche Rückkehr der Grossraubtiere wie Wolf und Bär in unser Land, auch in Bergkantonen wie Graubünden und Tessin. Selbst in Wallis sind es über 40 Prozent. Die SP lehnt sämtliche Vorstösse ab, die welche den Schutz von Luchs und Wolf aufweichen wollen und wendet sich wichtigeren Themen zu.