Mach Dir Dein eigenes Bild!

Sehr geehrte Damen und Herren,

gestern, als ich mich auf diese Rede vorbereitete, musste ich mehrfach um meine Fassung ringen. Ich schaute Kopien dieser Kinderzeichnungen an. Gleichzeitig gingen die Nachrichten der Giftgasangriffe in Syrien durch die Medien. Meine Kinder spielten im Nebenzimmer. Es gibt Dinge, die will man aus der Welt schaffen, man will sie verdrängen, ungeschehen machen. Wegschauen. Das Leid von Kindern im Krieg oder von Kindern auf der Flucht gehört dazu. Und doch ist es wichtig, dass wir uns diesen Dingen stellen. Wichtig für die Betroffenen. Davon erzählt diese Ausstellung.

Sie haben es gehört. Bei Idlib in Syrien kamen vorgestern 72 Menschen durch einen Giftgasangriff ums Leben, darunter viele Kinder. Das nahe gelegene Spital wurde fast gleichzeitig bombardiert. Internationale Experten schreiben diesen Angriff wie schon frühere Giftgaseinsätze, den Machthabern des Assad-Regimes zu. Denn Idlib ist eine Hochburg der sogenannten Rebellen, die aus anderen Gegenden, zum Beispiel aus Aleppo, dorthin vertrieben wurden. Was genau geschah, wird wohl immer unklar bleiben. Denn in der Tat ist es kaum noch möglich, zu verstehen was in diesem Krieg, der schon über sechs Jahre andauert, eigentlich geschieht. Klar ist, dass fast 60 Prozent der syrischen Bevölkerung intern vertrieben wurde. Etwa 6 Millionen Menschen mussten aus Syrien flüchten.

Nach Einschätzung des Nahost-Experten Michael Lüders handelt es sich nur vordergründig um einen Konflikt zwischen dem Regime und Rebellen. Es handle sich vielmehr um einen Stellvertreterkrieg, schreibt er in seinem neuen Buch. Dazu wörtlich: „Hier wird Geopolitik der primitivsten Art auf dem Rücken der Syrer betrieben.“

Zu den strategischen Interessen um die gestritten wird, gehört auch eine Erdgasleitung, welche die Golfstaaten zusammen mit der Türkei durch Syrien bauen wollen. Damit könnten sie das grösste Erdgasfeld der Welt in Kuwait mit Europa verbinden. Das heisst, sie wollen uns an ihr Erdgas anhängen. Das macht uns abhängig und sie reich und mächtig. Den Russen ist das ein Dorn im Auge, denn das schwächt sie als wichtigster Erdgaslieferant Europas. Der russischen Gazprom geht es bestens, das wissen alle, die Champions League schauen. Weil sich der syrische Machthaber Assad gegen diese Erdgas-Pipeline wehrte, verbündete sich Russland mit ihm. Aber auch vom Regime des schiitischen Iran, das argwöhnisch auf die wachsende Macht der sunnitische Golfstaaten schaut, bekam er Unterstützung. Und ja, der IS spielet auch noch mit. Brutal breitet er sich zwischen den Fronten aus. Und so streiten sich inzwischen Weltmächte mit Hilfe des IS. Wer gewinnt, holt sich das Gasgeschäft mit Europa.

Ich wurde unter anderem gebeten, auch zum Untertitel dieser Ausstellung zu sprechen. „Was können wir tun, um zu verhindern, dass Kinder weltweit Opfer von Gewalt und Krieg werden?“ Das ist eine grosse Frage. Dazu gibt es viele Antworten eine ganz konkrete habe ich für Sie parat: Wie Sie gehört haben, geht es in Syrien, wie schon beim Irak-Krieg und vielen anderen Kriegen zuvor um Macht über fossile Ressourcen. Deshalb ist die Energiewende, die uns Schritt für Schritt aus der Abhängigkeit von fossilen Energiequellen löst, auch friedenspolitisch ein wichtiger Schritt. Ein wichtiger Beitrag, um die Ursache der schrecklichen Fluchtgründe zu bekämpfen. Denken Sie daran, wenn sie am 21. Mai über die Energiestrategie abstimmen.

Die Kinder in den Kriegsgebieten, auf deren Buckel die Konflikte ausgetragen werden, wissen von diesen Zusammenhängen allerdings nichts. Sie werden ahnungslos dem Kriegsterror ausgesetzt, kommen unvermittelt zwischen die Fronten, begegnen Gewalt und Leid mit zum Teil traumatischen Folgen. Nicht selten verlieren sie ihre Liebsten, werden entwurzelt und müssen fliehen. Was folgt, sind hoffnungslose Odysseen und bittere Orientierungslosigkeit. Einige Bilder dieser Ausstellung zeugen eindrücklich davon.

Diese Zeichnungen entstanden im Empfangszentrum beim Zoll Otterbach, in dem Geflohene Asyl beantragen können. Die Kunst stammt von Flüchtlingskindern aus Syrien, Afghanistan, Kurdistan, Iran, Irak, Eritrea, Somalia, Libanon, Sri Lanka oder Albanien. Sie stammen alle aus Gegenden, in denen zum Teil schreckliche Zustände herrschen. Sie brauchen Schutz. Sie brauchen Bildung. Sie brauchen Perspektiven. Sie brauchen Zuneigung.

Es gibt viele Menschen, die sich Flüchtlingen annehmen. Ich weiss, dass viele die hier anwesend sind, dazu gehören und sich täglich für Flüchtlingshilfe einsetzen indem sie die Ursachen bekämpfen oder den Gestrandeten Schutz und Perspektiven eröffnen. Danke für den Einsatz, den Sie täglich leisten! Grossen Dank auch an play for rights Basel und Charlotte Bhattarai für die Initiative zu dieser starken Ausstellung. Ich wünsche dieser Ausstellung viel Erfolg und ein grosses Publikum.

Besonders danken möchte ich aber den Kindern, dass sie uns über diese Bilder an ihrem Schicksal teilhaben lassen. Wir danken Ihnen, dass sie uns Einblick geben in die Abgründe von Krieg Vertreibung, Entwurzelung, und an der verzweifelten Not der Opfer. Dass sie uns aufzeigen, dass hinter den Schreckensbildern des Krieges Menschen stecken, welche die selben Bedürfnisse und Sehnsüchte haben, wie wir alle auch. Sie dürsten nach Liebe, Heimat und Geborgenheit.

Wir danken Ihnen, dass sie uns mit ihren Bildern aufrütteln und einen Beitrag leisten gegen die Gleichgültigkeit in unserer oft übersättigten Gesellschaft.
Dass sie ein Zeichen setzen gegen diejenigen hasserfüllten Kommentatoren und Politiker, welche die Begriffe Asyl und Flüchtling verfremden und missbrauchen, die Angst schüren, um auf dem Buckel Hilfe suchender Menschen politisches Kapital zu schlagen. Danke, dass ihr uns daran erinnert, dass wir diese Art der Entsolidarisierung im Namen der Menschlichkeit nie akzeptieren dürfen.

Wir alle wünschen diesen Kindern, dass sie den Glauben an eine würdige Existenz nicht verlieren müssen, dass sie die Hoffnung nicht aufgeben, dass sie eines Tages, sei es in Syrien, in Afghanistan, in der Schweiz oder anderswo wieder eine Heimat finden werden. Eine Heimat, in der sie nicht Flüchtlinge sein müssen, sondern ganz einfach Kinder sein dürfen. In der sie nicht als Asylsuchende gelten, sondern ganz einfach als Menschen. Wo sie so sein können wie alle anderen auch. Ich glaube, dass diese Ausstellung dazu beitragen kann. Vielen Dank.

Beat Jans, 6. April 2017. Rede an der Vernissage „Mach Dir Dein eigenes Bild“ im Quartierzentrum LoLa, Basel